Fazit Workshops

Die am Anfang des Workshops durchgeführte Skalenbewertung (TED-Abfrage) stimmt nahezu exakt mit der in den 200 Tiefeninterviews der Studie von den Bürgerinnen und Bürgern vorgenommenen Bewertung der Notwendigkeit einer grundlegenden Neuorientierung in der Gesellschaft überein. In den Interviews waren 86% der Befragten und bei der TED-Abfrage 87% der Befragten der Meinung, dass Deutschland einen Paradigmenwechsel braucht. Die hohe Übereinstimmung in den Daten zeigt, dass kollektive Bewertungen unabhängig von der verwandten Methode oder der gewählten Stichprobe zu erstaunlich stabilen Ergebnissen führen können (Wisdom of the Crowd).

Generelle Einschätzung zum Workshop

Entgegen den von der Politik häufig geäußerten Bedenken, dass basisdemokratische Beteiligungsverfahren schnell in eine allgemeine Klagementalität abdriften können, entwickelten die Bürgerinnen und Bürger im dm-Workshop fast durchgängig Ideen und Beiträge, die einen positiven Möglichkeitsraum eröffnen. 82% der Ideen und Beiträge sowie 93 % der abgegebenen Stimmen wurden konstruktiv formuliert. Die Zahl der Hinweise, mit denen Missstände beklagt oder Negativentwicklungen angeprangert wurden, war im Vergleich verschwindend gering. 20150205_PR002263/14_Konkress_Zeitzeichen_Jung_WolffDie vielfach zu beobachtende Vorsicht auf Ebene von Entscheidungsträgern gegenüber offenen Beteiligungsprozessen lässt sich also kaum glaubwürdig über Bedenken gegenüber „Wutbürgern“ rechtfertigen. Eine Politik, die sich einem ergebnisoffenen Einbezug von Bürgerinnen und Bürgern verschließt, kann dies eigentlich nur mit dem Hinweis auf vermeidlich fehlende Sachkenntnis rechtfertigen. Jede Zurückhaltung gegenüber Beteiligung wird damit zum Symptom der Arroganz einer sich abschottenden „Expertokratie“, die unterstellt, dass es den Bürgerinnen und Bürgern an Verständnis für Zusammenhänge mangle. Eine Annahme, die letztlich zum Eigentor wird, da es die Aufgabe der Politik ist, durch Transparenz und Information für ein hinreichendes verteiltes Wissen in der Bürgergesellschaft zu sorgen.
Insgesamt wurden im Brainstorming 1414 Ideen generiert, diskutiert und bewertet. Es wurden 3658 Stimmen abgegeben und 1574 Kommentare hinzugefügt. Anschließend wurden 68 Empfehlungen erarbeitet.

Themenschwerpunkte aus Brainstorming und Empfehlungsentwicklung

Durch inhaltsanalytische Verdichtung ergeben sich aus den im Brainstorming generierten Ideen und anhand der konkreten Empfehlungen vier klar unterscheidbare Themenschwerpunkte, die von den beteiligten Bürgerinnen und Bürgern als zentrale Stellhebel für den anstehenden gesellschaftlichen Wandel benannt werden:

  1. Vitalisierung der Demokratie
  2. Zukunftsfähigkeit der Bildung
  3. Integrationskraft der Gesellschaft
  4. Gemeinwohlorientierung der Wirtschaft

zu 1. Vitalisierung der Demokratie:

Abbau von Politikmüdigkeit durch neue Formen der Bürgerbeteiligung.
Generell formulieren die Bürgerinnen und Bürger ihre Anregungen im Kontext von Politik deutlich kritischer als bei den anderen Themenschwerpunkten (32% negative Nennungen). Die Teilnehmer des Workshops klagen mehr Klarheit der ethischen Standpunkte ein und fordern einen intensiven Diskurs über die Wertvorstellungen, die dem politischen Handeln der Akteure zu Grunde liegen. Existierende Unschärfe der Positionen, Tendenz zu parteipolitischer Abgrenzung und Intransparenz der Machtstrukturen werden als Hauptgründe für Politikmüdigkeit genannt. 20150205_PR002263/14_Konkress_Zeitzeichen_Jung_WolffDer Einfluss von Lobbyisten ist durchweg negativ bewertet. Einer Öffnung der Politik für basisdemokratische Formen der Bürgerbeteiligung schreiben die Teilnehmer die höchste Veränderungswirkung für den gewünschten Paradigmenwechsel in Deutschland zu. Das Spektrum der konkreten Vorschläge reicht von Volksentscheiden und Bürgerbegehren bis zur Installation Internet gestützter Beteiligungsräte für gesetzgebende Verfahren. Insbesondere dem Einbezug der Bürgerinnen und Bürger auf regionaler Ebene wird höchste Priorität eingeräumt.

zu 2. Zukunftsfähigkeit der Bildung:

Erhöhung von Chancengleichheit durch lebens- und praxisnahe Inhalte.
Die Bürgerinnen und Bürgern mahnen unmissverständlich eine höhere Durchlässigkeit des Bildungssystems an. Eine Abhängigkeit des Bildungserfolges von der sozialen Herkunft wird übereinstimmend als zentrales Hemmnis für die Entwicklung des Standorts Deutschland gesehen. Die Übertragung wirtschaftlicher Effizienzprinzipien auf Schule und Studium wird abgelehnt. Bildung soll wieder mehr an Breite und Reichhaltigkeit gewinnen. Schülerinnen und Schülern Einblick in unterschiedliche Lebensentwürfe zu ermöglichen, das gesellschaftlichen Verantwortungsgefühl zu stärken, Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenz zu entwickeln gehört für die Teilnehmer des Workshops klar ins Zentrum pädagogischen Handelns. Um eine möglichst frühe und nachhaltige Förderung dieser Fähigkeiten zu unterstützen, muss nach Meinung der Teilnehmer die Struktur des deutschen Bildungssystems grundsätzlich überdacht und angepasst werden. Insbesondere in der Schule gilt es, demokratische Prinzipien praktisch zu leben und zu trainieren. Die Gestaltung kreativer Lernräume und der Ausbau persönlicher Stärken werden für wichtiger erachtet als Leistungsorientierung und Selektion durch Zensuren.

zu 3. Integrationskraft der Gesellschaft:

Umkehr von Polarisierungstendenzen durch Begegnung und Austausch.
Die Teilnehmer des Workshops geben mit einer großen Zahl von Beiträgen ihrer Sorge Ausdruck, dass sich die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen in Deutschland immer stärker voneinander entfernen. 20150205_PR002263/14_Konkress_Zeitzeichen_Jung_WolffMit Zersplitterung und Individualisierung wachsen gegenseitiges Unverständnis und die Angst vor dem Fremden. Inklusion und Diversität laufen Gefahr, zu Schlagworten zu verkommen. Die Schaffung großfamilienähnlicher Strukturen und generationenübergreifender Lebensgemeinschaften werden ebenso für sinnvoll erachtet wie die gezielte Förderung regionaler Begegnungsstätten und interkultureller Ereignisse. Bei der Entstehung einer Kultur des Zuhörens und der gegenseitigen Wertschätzung kommt künstlerischen Aktivitäten nach Meinung der Bürgerinnen und Bürger eine besondere Bedeutung zu. Ein häufig genannter Aspekt ist darüber hinaus auch die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Verbesserung der Gleichberechtigung wird als ein wesentlicher Gradmesser für die gesellschaftliche Integrationskraft und die Glaubwürdigkeit des Zieles Diversität gesehen.

zu 4. Gemeinwohlorientierung der Wirtschaft:

Entschärfung von Wachstumslogik durch Ausrichtung auf Lebensqualität.
Die Bürgerinnen und Bürgern gehen davon aus, dass eine Änderung des aktuell vorherrschenden rendite- und effizienzorientierten Wirtschaftssystems nur gelingen kann, wenn der gesellschaftliche Wert von Arbeit ebenso neu bestimmt wird wie die Kriterien für Erfolg. An die Stelle von quantitativem Wachstum sollen verstärkt qualitative Aspekte wie Lebenszufriedenheit, Verteilungsgerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe herangezogen werden, um die Güte einer Volkswirtschaft zu bewerten. Das Bruttoinlandsprodukt ist nach Meinung der Teilnehmer des Workshops als Indikator für Wohlstand längst nicht mehr angemessen. Neuregelungen im Finanzsystem und Änderungen der Steuergesetzgebung werden für unumgänglich erachtet. Genossenschaften und gemeinnützig orientierte Unternehmen sollen ebenso besonders gefördert werden wie regionale Verbünde und Sharing-Konzepte. Unter allen von den Teilnehmern im Brainstorming ausgeführten Gestaltungsideen zur Förderung eines Paradigmenwechsels in Richtung auf mehr Verteilungsgerechtigkeit und gesicherte gesellschaftliche Teilhabe hat die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens.

mit 140 positiven Bewertungen die höchste Zustimmung bekommen.

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